Ausgegraben – Pfingsten 1978 rund Korsika Teil 1

Meine Segelleidenschaft habe ich eindeutig meinem Vater zu verdanken. Als Gründungsmitglied des SCKN (Segelclub Kempten Niedersonthofener See e.V.) – ja, den gibt es wirklich – bin ich mit 3 Jahren bereits bei meinem Vater im Finn neben dem Schwertkasten gesessen und habe das erste Mal das Gefühl des segeln erlebt. Weiter ging es mit einem Jollenkreuzer, einer Varianta, ein italienischer Dreivierteltonner und zum Schluss die Optima, erst die „alte Optima“, dann die 92. Gesegelt sind wir eigentlich immer auf Binnenrevieren, vom Niedersonthofener See, der für uns Kemptener vor der Haustür liegt, dem Forggensee und dann dem Bodensee, den wir viele Jahre unsicher gemacht haben. Damals war unsere Optima 92 eins der großen Schiffe am Bodensee – wie sich die Welt verändert hat.

Einmal haben wir ein großes „Abenteuer“ gewagt und sind 1978 mit einer Gin Fizz von Jeanneau, einem 2-Master mit 37 Fuß mit einer befreundeten Familie von St. Raphael rund Korsika und zurück. Jetzt habe ich zufällig dien Reisebericht wieder gefunden, den mein Vater damals geschrieben hat. Diesen möchte ich euch heute gerne 1:1 präsentieren.

Heri(bert) und Ilse sind dabei meine Eltern, Werner und Marlies ein befreundetes Ehepaar mit den beiden Kindern Roman und Gabi. Ich war damals 15 Jahre alt und die Gin Fizz „Orion“ war für uns ein „Riesen Schiff“.


Bericht über eine Segelreise von St.Raphael – rund Korsika – und zurück

Charterboot “ Gin Fizz

Pfingsten 1978

Round Korsika 1978

13. Mai 1978

Nach einer schnellen Autoreise, Ankunft in St. Raphael um 8 Uhr, Übernahme der Gin Fizz „ORION“. Das Boot macht einen guten Eindruck. Es ist noch ziemlich neu. Wir sind die zweite Crew. Die Ausrüstung ist komplett. Lediglich die Kopfpolster sind vom Salzwasser schmierig.

Kojenverteilung:

  • Heri und Ilse – Achterschiff
  • Thomas – Hundekoje
  • Werner u. Marlies – Vorschiff
  • Roman u. Gabi – Salon

Nach Einkauf von zusätzl. Proviant eine unruhige Nacht. Der starke Wind läßt das Boot im Hafen krängen. Einige Plätze weiter liegt eine Gruppe von Württembergern, die ebenfalls eine Gin Fizz übernommen haben. Sie sind dabei, sich mit Rotwein vollzuschütten. Man wird sehen was das gibt !

14. Mai 1978

Um 10:00 Uhr Start in Richtung Korsika

Instrumente:

  • Baro 998mm
  • Log 389 sm
  • Motor 112 h

Nach einigen Kreuzschlägen können wir Calvi anliegen. Kurs 120°. Unter Genua, Groß und Besan machen wir gute Fahrt. Mit einsetzender Dämmerung nimmt der Wind stetig zu. Um 21:00 bereits 28 kn WNW

21:00 Besan weg.

Genua weg, Fock 1 setzen

22:00 Fock I weg, Sturmfock setzen

Groß 2. Reff

Das Schiff legt sehr stark über. Fahrt ca. 9 kn. Thomas geht Ruder. Ich muß ihn mit einem Lifebelt sichern. Das große Cockpit bietet wenig Halt. Auch die Wellenhöhe nimmt ständig zu. Gegen Mitternacht stelle ich mit Schrecken fest, daß die an der Reling festgelaschte Genua schon halb im Wasser liegt. Die ständig überkommenden Seen reißen die Laschings ab. Werner und ich müssen nach vorne und langsam gelingt es, die Genua zu bergen und hinter dem Mast festzuzurren. Wir arbeiten mehr unter als über Wasser. Nicht auszudenken wenn einer über Bord ginge.

 

Es herrscht wenig Schiffsverkehr, aber es ist äußerste Vorsicht geboten. Die Lichterführung der Grosschiffahrt läßt sehr zu wünschen übrig. Es wird zunehmend kälter aber Thomas hält sich hervorragend. Er steuert mit großer Konzentration und Zuverlässigkeit. Werner hat leider eine sehr schlechte Nacht. Er liegt mit Ölzeug und Schwimmweste auf dem Boden des Salons. Gabi und Roman schlafen mit Schlaftabletten fest und Ilse und Marlies haben große Angst. Unter Deck scheint es, daß sich das Boot unkontrolliert bewegt. Sie glauben nicht, daß wir aus dieser Hölle noch lebend heraus kommen. llse verspricht eine Kerze zu stiften (was sie später auch getan hat).

04:00 Uhr

Nach unserem Logstand müßte das Leuchtfeuer von Revelata in Sicht sein – aber nichts ist zu sehen. Inzwischen müßten wir lt. Log bereits die Küste von Korsika erreicht haben.

Was ist los??

Sind die Leuchtfeuer einfach nicht in Betrieb ?

Sind wir soweit vom Kurs abgekommen und segeln an Korsika vorbei?

Ich entschließe mich noch ein Stück weiter zu segeln, um dann auf Gegenkurs zu gehen; und so weiter, bis wir Tageslicht haben. Ich habe Sorge, daß wir die Brandung der Küste wegen des starken Windes nicht rechtzeitig hören können. Thomas kämpft am Ruder mit äußerster Konzentration.

Nach etwa 20 Minuten die Erlösung! Leuchtfeuer voraus! Die Kennung ist schnell ausgezählt, wir liegen exakt auf Kurs und ca. 18 sm vor Revelata. Das aufkommende Leuchtfeuer von Ile Rousse bestätigt unsere Position.

Da von nun an auf Sicht gesteuert werden kann, löse ich Thomas ab und bleibe allein an Deck. Thomas ist so müde, daß er die letzten Stufen des Niederganges nicht mehr schafft und auf halbem Wege einschläft.

Das Rätsel der fehlerhaften Navigation löst sich erst in Calvi: Das Log hatte eine Voreilung von mehr als 15%. Davon hat uns in St. Raphael niemand etwas gesagt. Dies erklärt vielleicht auch, warum die Crew vor uns 2 Tage verschollen war.

Mit der aufkommenden Morgendämmerung wird es noch einmal ein paar Grad kälter und ich friere erbärmlich. Die Kälte und die Nässe kriechen immer weiter an mir hoch. Da fragt man sich schon, warum liegt man nicht zu Hause im warmen Bett?

Gegen 06:00 kommt mit dem Tageslicht die Bucht von Calvi voraus. Nun muß Werner herausda er schon einmal da war und den Hafen kennt. In der weitläufigen Bucht weht noch immer ein strammer Wind, doch nach einem erstklassigen Manöver liegen wir um 06:30 vor Buganker an der Mole. Die Sonne scheint und die Welt kommt wieder in Ordnung. Auch die Lebensgeister der übrigen Crew kehren zurück und nach einem guten Frühstück legen wir uns alle erst einmal schlafen.

Leider dauert die an sich wohlverdiente Ruhe nicht lange. Gegen 08:00 Uhr Getrampel an Deck. Die besoffene Crew von Württembergern liegt quer vor uns auf den Ankerleinen und versucht mit viel Geschrei und ohne von der Seemannschaft besonders beeinflußt, auf Kosten der bereits liegenden Yachten freizukommen. Da aber jeder Kommandos gibt und jeder in eine andere Richtung zieht, klappt das halt nicht. Nach einer sehr energischen Aufforderung starten sie doch den Motor, um an einem korsischen Fischkutter Iängseits festzumachen. Aber auch hier werden sie schnell wieder verscheucht. Entnervt verlassen Sie den Hafen.

Wir haben Sie Gott sei Dank erst wieder in Maginaggio gesehen. Ihr Kommentaren gepflegtem schwäbisch „hanno , des ka jedem passiere“ …

Der Schlaf ist verflogen und wir gehen erst mal einkaufen und sehen uns den malerischen Ort Calvi an. Die mächtigen Mauem sind noch heute Zeugen des korsischen Seeräubertums. Nach einem kleinen Ausflug mit dem Beiboot in die Bucht gibt’s zum Abendessen eine hervorragende Paella. Der nächste Tag ist Ruhetag.

17. Mai 1978

Wir übernehmen noch 25 Liter Diesel und um 08:00 geht es wieder hinaus in Richtung Süden. Ziel: Die Bucht von Girolata, welche wir gegen 16:00 erreichen. Eine sehr romantische Bucht, die aber leider nach Westen ziemlich offen ist. Es liegen bereits ca. 10 Yachten vor Anker.

Nach einem, wegen Kälte abgebrochenen Versuch zu baden, erleben wir einen gemütlichen Abend an Land. Die Nacht ist sehr ruhig. Nachdem wir erkennen mußten, daß der Aussenborder um’s verrecken nicht läuft, stellten wir in der Frühe fest, daß die Ruderanlage absolut fest ist. Als wir das halbe Achterschiff zerlegt hatten, zeigt sich, daß eines der Steuerkabel von der Rolle gesprungen ist, weil es zu locker war. Wenn dies bei einem Starkwindmanöver passiert wäre-  nicht auszudenken. Daß das Boot Wasser macht, regt uns nicht allzu sehr auf, weil Werner feststellt, daß es Süßwasser ist. Der Schaden ist auch schnell behoben.

 

to be continued …

5 Replies to “Ausgegraben – Pfingsten 1978 rund Korsika Teil 1”

  1. Sehr schön. Damals war ich, wenn überhaupt erst in Planung
    Aber dafür gehen wir dieses Jahr an Pfingsten nach Korsika zum Segeln ist schon alles gebucht – Quasi zum 40 jährigen Jubiläum

    Heute unvorstellbar ohne GPS nur mit Koppeln bis nach Korsika rüber zu „finden“ …

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